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„Borschtsch-Zubereitung“ als immaterielles Kulturerbe der Ukraine – Ein solidarisches Zugeständnis der UNESCO ? 

Was soll man dazu sagen, die Expertengruppe um den ukrainischen Star-Koch Klopotenko hat es geschafft, zumindest zum Teil, dazu aber Näheres im weiteren Verlauf.

Die UNESCO setzte am 01.07.2022 die „Kultur des Borschtsch-Kochens“ auf die Liste des bedrohten immateriellen Kulturerbes.

Der Spiegel schreibt am 01.07.2022 um 17:38 Uhr:
„ >>Der Sieg im Borschtsch-Krieg ist unser<<: Die Ukraine feiert eine Entscheidung der Unesco zur Kultur des Borschtsch-Kochens…“ (https://www.spiegel.de/kultur/borschtsch-aus-der-ukraine-auf-der-unesco-liste-des-dringend-erhaltungsbeduerftigen-immateriellen-kulturerbes-a-0c36f1a9-f6ee-48ec-b03d-7b9fcc2506fc)

Die Begründung der UNESCO ist jedoch sehr interessant, denn sie bezieht den Krieg in der Ukraine nicht nur in ihre Argumentation mit ein, sondern ist dieser sogar das entscheidende Kriterium.
„Durch Russlands Krieg gegen das Land, der Millionen Menschen zur Flucht gezwungen hat, ist der Erhalt dieser traditionellen Kulturtechnik bedroht. Zudem führen die Kämpfe zu Umweltschäden und gefährden die landwirtschaftliche Grundlage der Kochkunst, so das Nominierungsdossier.“ (https://www.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-weltweit/unesco-erklaert)

Ich möchte an dieser Stelle, wieder einmal, im Namen aller slawischen Völker, denen aufgrund dieser Entscheidung der UNESCO latent das Recht abgesprochen wird, dass das „Borschtsch-Kochen“ auch zu ihrer Kultur gehört, Argumente für die Absurdität dieser Entscheidung finden.

Bevor ich jedoch mit meiner Argumentation beginne, möchte ich nochmals ganz deutlich  klar stellen, dass es hier ausschließlich um das Thema Borschtsch geht, der zwar von Seiten der Ukraine auf der Suche nach einer kulturellen Identität politisiert wurde, aber keinen Falls dazu herhalten soll, den kriegerischen Konflikt zwischen der Russland und der Ukraine zu verharmlosen oder gar zu rechtfertigen. Dieser und jeder andere Krieg auf dieser Erde bleiben zu verurteilen.

Nun zu meiner Argumentation bzw. zu meinen Fragen, die ich aufwerfen möchte.
Die UNESCO sagt: „Der Krieg hat Millionen Menschen zur Flucht gezwungen, der Erhalt dieser traditionellen Kulturtechnik ist bedroht!“
Bedeutet das, dass die geflohenen Ukrainer die Kultur des Borschtsch-Kochens aus ihrem kulturellen Lebensalltag streichen werden? Warum sollten sie das tun, wenn das Borschtsch-Kochen so tief in die ukrainische Zivilgesellschaft integriert ist? Der Borschtsch wird immer ein Teil der ukrainischen Kultur bleiben, egal wo auf der Welt. Selbst in den USA hat sowohl dieses Gericht, als auch die Art der Zubereitung Bestand. Tausende und abertausende Emigranten aus der Ukraine, Russland und Polen haben diese Kultur mit über den „Teich“ genommen und pflegen dieses Gut weiter, weil es einfach auch zum alltäglichen Leben dieser Menschen gehört und das ohne die großen kulturellen Ambitionen, die derzeit von den Ukrainern kommuniziert werden.
Es tut mir außerordentlich leid, aber ich sehe da leider keine Bedrohung für diese Kulturform. Gerne lasse ich mich eines Besseren belehren und bin für weitere Argumente seitens der UNESCO oder wem auch immer offen.
Weil die Begründung der UNESCO jedoch sehr oberflächlich erscheint, wird ein weiterer Ansatz mit auf den Weg gegeben. Die UNESCO sagt:
„…die Kämpfe führen zu Umweltschäden und gefährden die landwirtschaftliche Grundlage der Kochkunst.“

Meine Frau lebt nun gemeinsam mit mir und unseren Kindern seit 17 Jahren in Deutschland, seit 14 Jahren betreiben wir unser kleines Restaurant. Der Borschtsch, oder wie es die UNESCO beschreibt, die „traditionelle Kulturtechnik des Borschtsch-Kochens“, gehört von Anfang an zu unserer Art der Kulturvermittlung in unserem Restaurant. Die „landwirtschaftlichen Grundlagen“, die meine Ehefrau zur Ausübung ihrer traditionellen Kochkunst benötigt, konnte Sie leider nicht aus ihrer Heimat nach Deutschland importieren. Was meint Ihr, was der Zoll dazu gesagt hätte, wenn Sie damals mit einem frisch geschlachteten russischen oder gerne auch ukrainischen Bären (Bezug zur ersten Ausführung) am Zoll gestanden hätte!? Es war ja nicht einmal möglich eine vakuumverpackte „Kochsalami Moskauer Art“ mit nach Deutschland zu bringen, das kostete meine Frau damals 40,00 € Bußgeld, nette Willkommenskultur, oder?
Was die anderen landwirtschaftlichen Grundlagen angeht, so ist die Zutatenliste, die von der UNESCO oder auch vom Expertengremium um den Starkoch Klopotenko nicht näher definiert wurde, überschaubar. Da das absolut kein Geheimnis ist, kann ich Euch sagen, dass wir zur Zubereitung unseres Borschtsch landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Rote Bete, Weißkohl, Möhren, Zwiebeln, Kartoffeln und ggf. etwas Rindfleisch benötigen. Diese Grundlagen sollten in fast jedem Land der Welt gedeihen, meint Ihr nicht auch?

Wenn also Kämpfe und Umweltschäden die landwirtschaftlichen Grundlagen dieser Kochkunst gefährden, dann muss auch jegliche Backware aus Weizen, Mais oder anderem Getreide, welche in der Ukraine auf besondere Weise, vielleicht in einem gemauerten Bauernofen, zubereitet wird, auf die Liste der bedrohten traditionellen Kulturtechniken kommen. Wird dieser Maßstab angesetzt, dann wird es vermutlich bald eine sehr lange Liste des bedrohten immateriellen Kulturerbes geben.
Wie sieht es eigentlich mit der Zubereitung einer "urukrainischen" Pilzsuppe aus, wurde diese besondere Kochkunst nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl in die Liste aufgenommen? Warum nicht? Es gibt so vielfältige Rezepte für Pilzsuppen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden (überhaupt lieben die slawischen Völker Suppenzubereitungen, wie kaum eine andere Volksgruppe), die land- bzw. forstwirtschaftliche Grundlage dieser Kochkunst wurde aber durch das Reaktorunglück auf Jahrzehnte, wenn nicht sogar für Jahrhunderte vernichtet. Noch einmal meine Nachfrage, warum wurde also bis dato auch die Zubereitungskultur der oder einer ukrainischen Pilzsuppe nicht in die Liste aufgenommen?
Achtung Wissenswertes: „Wildpilze filtern radioaktive Stoffe wie beispielsweise Cäsium-137 aus dem Boden und speichern sie in den oberirdisch wachsenden Fruchtkörpern, die wir so gerne als Pilzmahlzeit essen. Besonders hoch ist die radioaktive Kontamination in der so genannten Fruchtschicht eines Pilzes, die beispielsweise aus Lamellen oder Röhren bestehen kann.“ (https://www.kostbarenatur.net/pilze-radioaktive-belastung-schwermetalle/#:~:text=Wildpilze filtern radioaktive Stoffe wie beispielsweise Cäsium-137 aus,die beispielsweise aus Lamellen oder Röhren bestehen kann.)

Ich möchte Euch aber noch ein kleines Geheimnis mit auf den Weg geben. Das erklärte Ziel des Starkoches war es allerdings nicht, sich das Kochen des Borschtsch durch die UNESCO „schützen“ zu lassen, wohl denn, und das möchte ich an dieser Stelle unbedingt anmerken, die Zubereitung wirklich bestimmten Abläufen unterliegt, sondern war das anvisierte Ziel den Borschtsch selbst als ukrainisches Kulturerbe ausweisen zu lassen, also eigentlich ein materielles Kulturerbe. Ich erinnere an den „schockierten Jaroslav“ (Googlebewertung), der der Meinung ist/war, dass Borschtsch nicht russisch sein kann, weil er ukrainisch ist. Den Borschtsch als ukrainisches Kulturerbe schützen zu lassen, ist wohl aufgrund der in meiner ersten Abhandlung beschriebenen Fakten sehr schwierig. Aber ein „Teilsieg“ mit der Listung der besonderen „Kulturtechnik des Kochens“ ist doch auch gut, auch wenn die Argumentation des UNESCO Gremiums eher schwammig daher kommt und den faden Beigeschmack einer oberflächlichen solidarischen Entscheidung zu Gunsten der Antragsteller, auf der Suche nach einer kulturellen Identität, inne hat.
Schade, dass die UNESCO bei ihrer Entscheidung weder die Polen, Weißrussen, Russen, Slowenen noch die Moldauer berücksichtigten, und diesen Völkern mit dieser Entscheidung mehr oder weniger direkt gesagt wird, dass ihre „traditionelle Kulturtechnik der Borschtsch-Zubereitung“ weniger Wert ist, als die der Ukrainer. Prima gemacht!

Was bleibt also vom (materiellen) Borschtsch, wenn dieser gegessen wurde? Eine leere Schüssel und im besten Fall ein gut gefüllter Magen und die vermeintliche Gewissheit der Ukrainer, dass diese „traditionelle Kulturtechnik“ – die allerdings auch nicht näher definiert wurde – in der Liste für bedrohte, immaterielle Kulturgüter steht. Wir gratulieren!




 
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